Bundesregierung und Bundestag: Mehr Zeit für Kind und neue Themen – Das macht Faeser heute

Die einst erste Frau an der Spitze des Bundesinnenministeriums ist inzwischen einfache Bundestagsabgeordnete. Wie blickt die Hessin Nancy Faeser in die Zukunft, was sind ihre Ziele?

Ein schwarzes Cabrio im Sonnenschein, offen. Am Steuer Nancy Faeser. Die Ex-Bundesinnenministerin parkt ihr Auto in einem Gewerbegebiet von Hofheim am Taunus. Das Verdeck schließt sich. Auch drei Personenschützer, die die Sozialdemokratin immer noch hat, steigen aus einem Wagen. Ein schwarz-weißes Zweckgebäude. Schilder verweisen auf ein Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen, einen Judoverein und mehrere kommunale SPD-Geschäftsstellen. Auch Faesers Wahlkreisbüro ist hier.

Weiß-blaues Sommerkleid, blaue Kaffeetassen, dahinter viele Aktenordner – die meisten rot, manche schwarz. Faeser, 55, ist heute einfache Bundestagsabgeordnete, erst seit Frühling 2025. Vorher hat sie als erste Frau das Bundesinnenministerium geleitet, ein Schlüsselressort mit Topthemen wie Migration, Sicherheit und Kriminalität, ein Job, für den ein dickes Fell nötig ist.

„Die ersten zwei Wochen hat die Anspannung noch angehalten“

Vermissen Sie Ihr Ministeramt? „Am Anfang ist es schwierig gewesen, weil ich als Ministerin gefühlt rund um die Uhr gearbeitet habe, nachts mit dem Handy neben dem Bett“, sagt Faeser. „Die ersten zwei Wochen danach hat die Anspannung noch angehalten, dass immer etwas passieren könnte. Jetzt ist es etwas entspannter, obwohl ich auch als Abgeordnete viel zu tun habe.“

Faeser wohnt in Schwalbach am Taunus mit ihrer Familie. „Endlich habe ich wieder mehr Zeit für sie, das ist schön“, sagt sie. „Auch für unseren zehnjährigen Sohn. Er ist gerade ins Gymnasium gekommen.“ Die hessische Pferdefreundin mit Zweitwohnung in Berlin ergänzt: „Sogar zum Reiten komme ich gelegentlich wieder.“

Vermissen Sie Macht und Einfluss? „Nein, aber ich vermisse die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, sowohl im Innenministerium als auch in den Geschäftsbereichsbehörden wie dem Bundeskriminalamt, der Bundespolizei, dem Technischen Hilfswerk, um nur einen kleinen Ausschnitt zu nennen. Dort arbeiten hervorragend qualifizierte Menschen“, sagt Faeser. 

„Ich vermisse auch manche Themen. Es war ein großes Privileg, viel Verantwortung zu tragen“, ergänzt sie. Nun freue sie sich auf neue Themen in der SPD-Bundestagsfraktion: „Ich gehöre dem Auswärtigen Ausschuss an und bin zum Beispiel für Südamerika, Westeuropa und auswärtige Kulturpolitik zuständig. Dazu gehören unter anderem die deutschen Schulen im Ausland.“

Faeser: Meinem Nachfolger rede ich nicht rein

Es gibt aber auch direkte Linien zu ihrem früheren Job: „Ich kümmere mich darüber hinaus um internationale Sicherheitspolitik. Ich bin zum Beispiel Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.“

Ihrem Nachfolger, CSU-Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, rede sie nicht rein, versichert die SPD-Frau. „Es war ein von gegenseitiger Wertschätzung geprägter Übergang. Wir haben unter anderem viel über Migration gesprochen. Da sind wir inhaltlich gar nicht so weit auseinander. Ich habe die Grenzkontrollen angeordnet und bin die erste Innenministerin gewesen, die wieder einen Abschiebeflug nach Afghanistan organisiert hat.“ Allerdings gehe es in der Flüchtlingspolitik auch um humanitäre Aspekte und nicht darum, den rechten Parteien nachzureden: „Davon profitiert nur die extreme Rechte.“

Seit drei Jahrzehnten SPD-Chefin in Schwalbach am Taunus

Bereits seit drei Jahrzehnten ist Faeser Vorsitzende der SPD in ihrem Heimatstädtchen Schwalbach am Taunus. „Im Wahlkampf für die hessischen Kommunalwahlen am 15. März 2026 unterstütze ich noch meine Partei in dieser Funktion“, sagt die frühere langjährige Landtagsabgeordnete. Dann wolle sie den Schwalbacher SPD-Vorsitz in jüngere Hände legen.

Käme ein Wechsel ins politische Wiesbaden infrage? Nein, versichert die 55-Jährige: „Ich habe nicht vor, wieder in die Landespolitik in Hessen zu gehen. Ich werde nicht bei der nächsten Landtagswahl kandidieren.“

Wieder nebenbei Arbeit als Rechtsanwältin?

Noch als SPD-Fraktionschefin im Landesparlament von 2019 bis 2021 habe sie nebenbei als Anwältin gearbeitet. „Ich will bis zum Jahresende überlegen, ob ich wieder im Nebenjob als Anwältin tätig werde, wie ich das während meiner gesamten Zeit als Abgeordnete vor dem Ministeramt war“, sagt Faeser. „Man ist damit unabhängiger in der Politik. Das ist bereichernd, das hat mich immer geerdet. Aber es frisst natürlich viel Zeit, zumal mit einem Kind.“

Und frühere Kritik an Faeser? Ihre Ankündigung als Spitzenkandidatin im hessischen Landtagswahlkampf 2023, nur als Ministerpräsidentin in ihr Heimatland zu wechseln, aber bei einer Wahlniederlage Bundesministerin in Berlin zu bleiben, ist auf ein geteiltes Echo gestoßen. Heute sagt die SPD-Politikerin: „Das war ein normaler demokratischer Vorgang. Ich hatte die Unterstützung des damaligen Kanzlers Olaf Scholz (SPD).“ 

Faeser vergleicht sich mit CDU-Politiker Kanther

Faeser ergänzt: „Der frühere Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) hat bei der hessischen Landtagswahl 1995 genau das Gleiche gemacht. Damals ist er auch Minister geblieben, als seine Partei in der Opposition blieb.“ So wie Faeser nach der historischen SPD-Wahlniederlage 2023 in Hessen.

Auch Kritik im Kontext des Verfassungsschutzgutachtens zur AfD weist Faeser zurück. Der Inlandsnachrichtendienst wollte die Partei auf dieser Basis als gesichert rechtsextremistische Bestrebung einstufen, legte dies aber wegen einer Klage der AfD dagegen bis zur gerichtlichen Klärung wieder auf Eis. Zuvor, Ende April, hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz das Gutachten an das Innenministerium weitergeleitet. Faeser veröffentlichte das Ergebnis der Analyse kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt als Innenministerin – ohne eine eingehende fachliche Prüfung in ihrem Haus. 

„Auf den Zeitpunkt des Eingangs des Gutachtens beim BMI hatte ich keinen Einfluss. Das lag in den Händen des Verfassungsschutzes. Eine Prüfung im Haus hätte Wochen, vielleicht auch Monate in Anspruch genommen und die neue Regierung belastet“, sagt die SPD-Politikerin. „Ich habe immer gesagt, wenn das Gutachten kommt, erlaube ich, dass der Verfassungsschutz das Ergebnis veröffentlicht. Dann habe ich zu meinem Wort gestanden.“

Faeser: Armbinde „One Love“ heute im Haus der Geschichte 

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar hatte Faeser auf die Einhaltung der Menschenrechte gepocht. Vor Beginn der WM war sie vor Ort, um nach eigenen Worten diese Themen wie auch die Arbeitsbedingungen beim Bau der neuen Stadien anzusprechen. Das hat ihr vehemente Kritik des Wüstenstaates eingebracht. Heute sagt Faeser: „Meine Binde mit der Aufschrift „One Love“, die ich damals beim ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft getragen habe, ist mittlerweile ins Haus der Geschichte gekommen.“

Mit einem Lächeln und einem Händedruck verabschiedet sich die einstige Bundesinnenministerin, steigt in ihr Cabrio und fährt zum nächsten Termin.